Gedanken zu den Corona-Lockerungen von Frau Pfarrerin Neuffer (Audiodatei, 2:37 min)

Gedanken in Zeiten von Corona von Frau Pfarrerin Neuffer (Audiodatei, 2:19 min)

Manchmal
sind es gerade
die am bedrohlichsten erscheinenden Wogen,

die uns ans rettende Ufer tragen.
Manchmal

ist es gerade das Ende,
das uns zum rettenden Neubeginn wird.

(aus: Antje Sabine Naegeli, Die Nacht ist voller Sterne)

Ist die Kirche „systemrelevant“?                                         

Einzelne Kirchenleute haben das in den letzten Wochen mit Entschiedenheit behauptet. Entsprechend hart gingen sie mit der Haltung ihrer Kirche während der Corona-Krise ins Gericht. Diese habe durch Absage von Gottesdiensten ihre Systemrelevanz untergraben, wo Widerstand nötig gewesen wäre. Obendrein habe die Kirche zu den Zuständen in den Alten- und Pflegeheimen geschwiegen und so das Sterben in trostloser Einsamkeit zugelassen. Das Pathos der Wortwahl (…hat geschwiegen, und: Widerstand wäre nötig gewesen…) spielt mit düsteren Erinnerungen. Aber unterstreicht das die Systemrelevanz der Kirche?
Ob Kirche systemrelevant ist oder nicht, hängt vom System ab. Im Blick auf den Glauben ist die Kirche natürlich höchst relevant. Aber ist sie es auch für die Gesellschaft als Ganze? Wer ein sinnerfülltes Leben nicht mit der Frage nach Gott verknüpft, würde das bestreiten. Zweifel an der Relevanz der Kirche bestehen darum nicht erst seit der Corona-Krise.
Der gottesdienstliche Lockdown rührt allerdings an dieser Wunde. Es kränkt manche Kirchenvertreter, dass Gottesdienste nicht systemrelevant sein sollen. Trösten könnte sie freilich, dass sie sich damit in guter Gesellschaft befinden. Gott selbst erhebt ja keinen Anspruch auf Systemrelevanz. Die Art und Weise seines Kommens in Jesus zeigt, dass es gerade andersherum ist: Wo das Undenkbare in die Welt einbricht, steht fundamental in Frage, was ist. Kirche kann nicht systemrelevant sein. Dennoch ist sie natürlich von großer Bedeutung. Nur wird die durch kirchliche Wichtigtuerei bisweilen verschleiert.
Im Übrigen haben die Zustände in Alten- und Pflegeheimen während der letzten Wochen die Kirche sehr beschäftigt. Völlig einig war man sich darin, dass man das Beste für die Menschen dort wollte. Allerdings gingen die Meinungen darüber auseinander, was das wäre. Auch in der Kirche sind halt nur Menschen. Und die wissen nicht immer alles besser.
Systemrelevant ist die Kirche also nicht. Das muss sie auch nicht sein. Sie sollte aber den Blick öffnen auf den, der über alle Systeme hinweg trägt.

Pfarrerin Margot Neuffer

Warum so unzufrieden?

Ein indischer Pfarrer, der einige Zeit in Deutschland seinen Dienst versah, wunderte sich über die Unzufriedenheit, die ihm hier immer wieder begegnete. „Warum sind Menschen in diesem reichen Land oft so unzufrieden?“ fragte er mich. „In Indien gibt es viele bitterarme Familien, die nicht wissen, ob sie und ihre Kinder am nächsten Tag zu essen haben. Und doch sind sie sichtbar glücklicher und zufriedener als die Leute hier. Woher kommt das?“

Das ist in der Tat merkwürdig. Nehmen Menschen vielleicht Anstoß an Kleinigkeiten, weil es ihnen an großer existentieller Not „mangelt“? Sind sie „gern“ unzufrieden? Das ja wohl nicht! Aber mit steigendem Wohlstand und Wohlergehen sind unbemerkt auch die Ansprüche gewachsen. Was man einst sehnsüchtig erträumt hat, ist bei uns längst selbstverständlich: die Tafel Schokolade, überhaupt: reichliches Essen, die Urlaubsreise, Medizin gegen  Krankheiten, die man vor 100 Jahren nicht überlebt hätte, das Recht zu wählen oder die Meinung frei zu äußern…. Was an anderen Orten dieser Welt als vollkommenes Glück erscheint, ist hierzulande gar nichts Besonderes mehr. Man ist es gewohnt und schätzt es kaum. „Ja, und…!“ Viele meinen, das Gute stünde ihnen zu. Aber ist das so?

Gibt es ein Anrecht darauf, in einem freien und friedlichen Land zur Welt zu kommen? Gibt es ein Recht auf Wohlstand, Gesundheit, Liebe, Glück und Leben? Nein, das gibt es nicht.

Nichts, aber auch gar nichts Gutes in diesem Leben versteht sich von selbst. Alles ist Geschenk. Wer es nicht so nimmt, kann das Glück nicht empfinden, das darin liegt. Dem entgeht dann auch, wie reich er beschenkt ist: das Dach über dem Kopf, der Autofahrer, der einem die Vorfahrt einräumt, die Frau an der Kasse, die einen schönen Tag wünscht, die Lehrerin, die einen guten Draht zu Kindern hat, die Geduld des Altenpflegers… Wir nehmen es hin, als wäre es selbstverständlich. Doch das ist es nicht.

Das Gefühl der Dankbarkeit ist seltener geworden. Es fehlt freilich nicht nur im Umgang untereinander. Es fehlt auch am Glück dessen, der nimmt, ohne wertzuschätzen. Denn nicht der ist glücklich, der Gutes hat, sondern der, der weiß, dass das Gute sich nie von selbst versteht.

Ein zeitlos kluger Rat ist darum, was Psalm 103 nahelegt: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Hierin liegt der Schlüssel zur Lebensfreude.

Pfarrerin Margot Neuffer